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„Chiyono, eine Frau aus einfachen Verhältnissen, diente in einem Zen-Kloster. Eines Tages näherte sie sich ehrfürchtig einer Nonne und fragte diese: ‚Ich kann weder lesen noch schreiben und muss die ganze Zeit arbeiten. Gibt es irgendeine Möglichkeit, den Buddhaweg zu erlangen, obgleich ich keinerlei Fähigkeiten besitze?‘
Die Nonne antwortete: ‚Das ist ganz wunderbar, meine Liebe. Im Buddhismus gibt es keinen Unterschied zwischen den Menschen. Es gibt nur dies: Jede und jeder muss von ganzem Herzen die Sehnsucht verspüren, wach zu werden und ein Herz des großen Mitgefühls kultivieren. Die Menschen sind vollkommen, so wie sie sind. Wenn du nicht in Verblendung verfällst, gibt es weder Buddha noch fühlende Wesen; es gibt nur eine vollkommene Wesenheit. Wenn du deine wahre Natur erkennen möchtest, so musst du dich der inneren Quelle deiner verblendeten Gedanken zuwenden. Das nennt man Zazen.‘
Chiyono sagte: ‚Mit dieser Praxis als meinem Begleiter kann ich ganz normal meinem Alltag nachgehen. Ich werde Tag und Nacht üben.‘
Nach vielen Monaten ging sie nachts hinaus und zog etwas Wasser in einem Bambuseimer aus einem Brunnen. Der Vollmond schien über ihr, als der Boden des Eimers plötzlich nachgab. Die Spiegelung des Mondes verschwand mit dem Wasser. Als sie dies sah, erwachte sie plötzlich.
Hiermit und damit habe ich versucht,
den Eimer zusammenzuhalten,
doch dann fiel der Boden heraus.
Wo das Wasser sich nicht sammelt,
verweilt der Mond nicht.“
(Friederike Boissevain, in: Großes Herz, weiter Horizont)